Die "Sommer"ferien neigen sich dem Ende zu, der Sommer hat sich ja schon längst verabschiedet. Aber eine gute Sache hat ja der Herbst: Tolle musikalische Neuheiten werfen ihre Schatten voraus und so können wir euch einige davon schon in unserem dieswöchigen Newsletter präsentieren.
Viel Spaß beim Lesen und ein musikalisches Wochenende, empfehlt uns weiter
Peter Bongartz mit Todde Jarks und Andreas Schemm
John Mellencamp "No Better Than This"
Das perfekte Songwriter-Album
John Mellencamp, seine Tourband mit so illustren Musikern wie Marc Ribot an der Gitarre und Trommler Jay Bellerose und Produzent T-Bone Burnett machen auf Mellencamps 21. Studioalbum nicht nur einen sondern mindestens zwei oder drei Schritte zurück, um damit in der Riege der Singer/Songwriter ganz weit vorne zu stehen. Schon während der letztjährigen Tour mit Bob Dylan und Willie Nelson nahmen sie diese 13 Songs auf, Plattenmachen wie früher: John Mellencamp und die Jungs spielten in den original Sun Studios, in der First African Baptist Church in Savannah sowie im Zimmer 414 des Gunter Hotels in San Antonio, wo Blues-Urvater Robert Johnson das erste Mal für eine Schallplatte ins Mikro sang, live in einem Raum, in dem ein(!) Mikro und eine 1955er Ampex Portable Recording Machine stand. Und, richtig, ein Mikro führt zu Mono! T-Bone Burnett masterte diese Aufnahmen und fertig. Und wie früher zählt bei so einer Rangehensweise am Ende nur noch eins: Der Song! 13 davon hat Mellencamp geschrieben und sie zählen zu den Besten seiner Karriere. Es ist endlich das Folk Singer-Album, das er schon mit seinem sehr guten 2008er Album "Life, Death, Live And Freedom” anging, diesmal allerdings in Perfektion! "No better than this”, besser geht’s nicht. Es ist ein Album in allerbester Merle Haggard Tradition und selbst Menschen, die (vielleicht mit Absicht) die letzten 20 Mellencamp-Alben ignoriert haben, sollten - wenn sie auch nur ein bisschen Bezug zu Rootsmusik haben - in diese Platte reinhören und sie lieben!
Man kann dieser Tage viel über Wir sind Helden lesen, alle großen Zeitungen widmen ihnen und ihrem neuen Album "Bring mich nach Hause" relativ viel Platz. Das ist gut so, denn diese vierte Platte nach der fast dreijährigen Pause ist wunderbar und uns freut es immer wenn tolle Musik eine breite Öffentlichkeit findet. Schade nur, dass man in all diesen Interviews und Berichten nur lesen kann, was Wir sind Helden nicht mehr sind. Und das, obwohl sie das vielleicht nie waren. Ja, die vier sind erwachsener geworden, ihre Welt und so mancher Blickwinkel hat sich wohl auch ob der drei Kinder, die inzwischen mit auf Tour sind, geändert. Aber hoffentlich tun wir das alle, keiner will doch immer das gleiche Klischee, das irgendwann mal entstand, für immer erfüllen. Wir sind Helden tun das, was Musiker die etwas zu sagen haben, eben tun: Sie schreiben Lieder, die immer so etwas wie Momentaufnahmen der Jetztzeit sind, und wenn sie Glück haben können sie diese auch veröffentlichen. Dieses Glück haben die Helden und das ist toll, denn so können wir ihre neuen Lieder mit ihnen genießen. Ob alte Fans enttäuscht sind ob des "neuen" Sounds, der der Band richtig gut tut, der unglaublich hommogen ist, mit weniger elektronischen Effekten auskommt und immer wieder sehr ruhige Töne anschlägt, bei denen Judith Holoferenes die Kraft ihre immer noch fantastischen Texte voll ausschöpfen kann? Wohl kaum. Wir sind Helden-Fans, egal welchen Alters, sind denkende Menschen und auch sie sind in den letzten Jahren gewachsen, haben ihre Blickwinkel verändert. Und nun ist ihre Band wieder da und geht ein Stück mit ihnen. "Bring mich nach Hause" ist mit einem Wort eine tolle Platte, die uns noch eine ganze Weile begleiten wird. Wir freuen uns jetzt schon auf das Erlanger Konzert am 25. Oktober 2010 in der Heinrich-Lades-Halle und vielleicht sogar auf eine kleine Überraschung hier im Laden.
Philip Selway "Familial "
Sehr schönes Solo-Album des Radiohead-Trommlers
Phil Selway ist wahrscheinlich nur Radiohead-Fans ein Begriff. Zwar hat er mit den Arbeiten an seinem Album schon vor neun Jahren begonnen, aber Familie und natürlich die Arbeit mit seiner Band Radiohead haben dafür gesorgt, dass er erst vor einigen Wochen mit seinem Album fertig geworden ist. Am Mangel an guten Songs kann es nicht gelegen haben: die zehn Songs auf "Familial" sind großartige, gefühlvolle Folk-Pop-Songs, die so gar nicht an das Solo-Album eines Schlagzeugers denken lassen. Man hört hier und da die Nähe zu Radiohead und die Percussion auf dem Album ist bei näherem Hinhören weit davon entfernt einfach nur den Takt vorzugeben, wie das bei leider allzu vielen Songwritern der Fall ist, die selbst das Schlagzeug einspielen oder einen mäßig begabten Kumpel ins Studio holen. Doch die Musik des Phil Selway hat weit mehr zu bieten! Die Songs klingen so reif als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht als Songwriter-Scheiben zu veröffentlichen und seine Stimme ist meist zart, aber immer klar und deutlich (was man ja von Thom Yorke nicht immer behaupten kann) und wohl auch viel schöner als der eine oder andere erwartet haben mag. Eingespielt hat Selway das Album übrigens nicht alleine, er hat sich mit Lisa Germano, Sebastian Steinberg, Glenn Kotche und Patrick Sansone eine kleine, äußerst feine Combo zusammengestellt. Kotches, der schon für Wilco und das Kronos Quartett getrommelt hat, besticht durch sein feines Spiel und gibt so Phil Selway genug Raum, sich ganz auf Gitarre und Gesang zu konzentrieren. Steinberg spielte unter anderem bei Soul Coughing und Marc Ribot und ist mit seinem weichen, leicht jazzigen Bass-Spiel genau der richtige für die atmosphärischen Folk-Songs auf "Familial". Und für die kleinen Extras sind dann Multiinstrumentalisten Sansone und Germano zuständig, wobei beide auch durch ihre wunderbaren Backing-Vocals begeistern. Ein Album also, dass weit mehr ist, als ein ganz ordentliches Schlagzeuger-Soloalbum und aus der Veröffentlichungsflut an Songwriteralben äußerst positiv heraussticht, nicht zuletzt auch durch einen Sound, der Americana mit britischem Pop-Appeal in einer Art und Weise verbindet, wie man sie bisher noch nicht gehört hat.
Es waren französische Instrumentenbauer wie Jean-Baptiste Lully oder Nicholas Chédeville, die um 1660 die ersten Oboen herstellten. "Naive Anmut, unberührte Unschuld, stille Freude wie Schmerz eines zarten Wesens, alles dies vermag die Oboe im Kantabile aufs Glücklichste wiederzugeben." So hatte Hector Berlioz sie dann 1844 in seinem Grundlagenwerk "Traité d’instrumentation et d’orchestration moderne" gepriesen. Um so interessanter, dass die großen französischen Meister wie Debussy, Fauré oder Ravel nicht ein einziges Konzert oder wenigstens ein bedeutendes Kammermusikwerk für die Oboe schrieben. Albrecht Mayer, der ein großer Frankreich-Fan ist und speziell mit Paris einige persönliche Erinnerungen verbindet, schmerzte diese Repertoirelücke und so ließ er einige berühmte Melodien wie Saties "Gymnopédies" oder Debussys "Clair de lune" für Oboe und Orchester arrangieren. Diese Neuarrangements, aber auch Originalkomposition wie das Oboenkozert "L’horloge de Flore" von Jean Françaix und die Weltersteinspielung von Gotthard Odermatts "Été" finden wir nun auf "Bonjour Paris". Mayer, von dem man immer wieder liest er hätte die Oboe "aus dem Orchestergraben geholt" und sie "zum Verführungsinstrument erhoben" und die wie immer zauberhafte Academy of Saint Martin in the Fields, die sowohl mit ihren Solisten als auch mit ihrem wunderbar warmen Klangbett mal wieder restlos überzeugen kann, schaffen so eine äußerst inspirierende Hommage an Frankreich und an Paris, die mal schwebt mal tanzt und die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Juniper Leaf "Broom, Briars, Torches From The Fire"
Psychedelic Folk aus der Neuzeit
Als sich 2007 Rupert Browne und Boris Exton (Sänger, bzw. Schlagzeuger) aufmachten, um neben ihrem durchaus angesagten Chikinki Projekt etwas Neues zu starten, war eine Veröffentlichung noch nicht angedacht. Jetzt, 3 Jahre später, sind Juniper Leaf soweit, um endlich ihr hörenswertes Material auf die geneigte Hörerschaft loszulassen. Mit einer gehörigen Portion Jetztzeit versehen sie Lieder, die in ihrer Grundstimmung auch aus den 1970er Jahren entsprungen sein könnten. Zuweilen erinnern sie z.B. an Pink Floyd und die frühen Genesis, aber auch an so manchen Krautrock. Die Melodien sind schön, haben einen folkigen Anstrich und werden in abwechslungsreichen Arrangements verpackt, die das Ohr bei Laune halten. Immer wieder driften die Texte, die uns Rupert Brown näherbringt eher ins Kryptische "... Let’s put an egg on it! / Let’s plant an egg! / I’ve seen the future. I saw an egg.” Aber irgendwie malt er damit durchaus schöne und seltsam lustige Bilder. Insofern passt das Cover einfach perfekt, wirkt es doch fast wie ein Wimmelbild, nur dass es hier vielmehr um ein etwas morbides Schlaraffenland geht: Fliegende Erdbeeren und Törtchen, Pinocchio im Spinnennetz und ein schelmischer Schlüsselmeister im Baum zieren die vordere Abdeckung von Juniper Leaf. Ein wirklich wunderbares Album, was die Vielseitigkeit der Musiker beweist und das Warten auf ein neues Chikinki-Werk deutlich verkürzt.